Durch den E-Commerce-Boom während der Corona-Pandemie standen viele Firmen wie About You danach mit vollen Lagern vor einer völlig anderen Situation und mussten herbe Verluste kassieren. Andere konnten aufgrund von Lieferschwierigkeiten die Nachfrage nicht bedienen. Auch wenn sich die Lieferketten in vielen Branchen stabilisiert haben: Warenverfügbarkeit bleibt ein aktuelles Thema.
Wie steuerst du deinen durchschnittlichen Lagerbestand so, dass du lieferfähig bleibst – ohne Ladenhüter und ohne unnötige Kapitalbindung?
Sobald du eine Omnichannel Strategie umsetzen willst, also auf Marktplätzen, im eigenen Shop, in Filialen und vielleicht sogar über Social Commerce verkaufst, vertrauen Kunden darauf, dass deine Verfügbarkeiten stimmen und eingehalten werden.
Gleichzeitig bindet ein hoher Bestand Kapital. Ein zu niedriger Bestand führt dagegen zu Stockouts, Überverkauf, Stornos und Supportaufwand. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht „viel oder wenig Lager“, sondern was der optimale Lagerbestand ist.
In diesem Artikel bekommst du nicht nur Hintergrundwissen, sondern konkrete HowTos, wie du mit Hilfe einer Warenwirtschaft (als System für Einkauf, Lager, Versand und Bestandsführung) deinen Bestand im Omnichannel sauber planst, verteilst und nachsteuerst.
- Was ist der durchschnittliche Lagerbestand? Warum ist er so wichtig?
- Wie berechnet man den durchschnittlichen Lagerbestand?
- Was bedeutet "optimaler Lagerbestand" im Omnichannel?
- Omnichannel Strategie: Warum "verfügbar" nicht gleich "auf Lager" ist
- Schritt 1: Schaffe eine "Single Source of Truth" für Bestand und Artikel
- Schritt 2: Bestandsgenauigkeit erhöhen, bevor du an optimalen Mengen drehst
- Schritt 3: Omnichannel-Regeln definieren: ATS, ATP und Kanalprioritäten
- Schritt 4: Mindestbestand, Meldebestand und Sollbestand je Lagerort einführen
- Schritt 5: Replenishment automatisieren: Bestellvorschläge statt Bauchgefühl
- Schritt 6: Fulfillment-Logik (Ship-from-Store / Click & Collect) mit Bestand verknüpfen
- Schritt 7: Retouren sauber führen, damit Bestand schneller wieder verkaufbar wird
- Schritt 8: Tote Bestände vermeiden: Renner-Penner + Aging als Pflichtprogramm
- Fazit: Für eine Omnichannel-Strategie braucht dein Lagerbestand System
Was ist der durchschnittliche Lagerbestand? Warum ist er so wichtig?
Der durchschnittliche Lagerbestand beschreibt, wie viel Ware du im betrachteten Zeitraum im Mittel vorhältst. Er ist einer der besten Realitätschecks für dein Bestandsmanagement, weil er nicht nur einen Moment (z. B. „heute im Lager“) abbildet, sondern dein typisches Bestandsniveau.
Warum das im Omnichannel so wichtig ist:
- Du vergleichst nicht nur „Bestand vs. Umsatz“, sondern erkennst, wie viel Kapital dauerhaft gebunden ist.
- Du kannst Lagerumschlagshäufigkeit, Lagerreichweite und Lagerkosten sinnvoll bewerten.
- Du siehst, ob dein Omnichannel-Setup (Shop + Marktplätze + Filialen) deinen Bestand „aufbläht“, weil du überall Sicherheits-Puffer stapelst.
Wie berechnet man den durchschnittlichen Lagerbestand?
Die Faustformel zur Berechnung des durchschnittlichen Lagerbestands lautet:
Durchschnittlicher Lagerbestand = (Anfangsbestand + Endbestand) / 2
Etwas genauer wird es, wenn man Tages-/Wochenmittel aus Bestands-Snapshots nimmt, besonders bei stark schwankendem Abverkauf (Sales, Drops, Saisons).
Dabei ist der reine Bestand im Omnichannel nicht die ausschlaggebende Zahl, sondern wieviel des Bestands tatsächlich verfügbar ist.
Was bedeutet "optimaler Lagerbestand" im Omnichannel?
„Optimal“ klingt nach einer perfekten Zahl. In der Praxis ist es eher ein Gleichgewicht: genug Bestand, um dein Servicelevel zu halten und wenig genug, um cashflow- und kostenbewusst zu bleiben.
Drei Leitfragen helfen dir, das zu definieren:
- Welche Verfügbarkeit willst du liefern? (z. B. 98% bei Kernartikeln, weniger bei Longtail)
- Was kostet dich ein Stockout wirklich? (entgangene Marge, Supportaufwand, Stornos, auf Marktplätzen ggf. auch Performance-Effekte)
- Wo muss Bestand liegen? Omnichannel ist ein Netzwerk: Zentrallager, Filiale, externes Lager/3PL - und jeder Ort hat andere Kosten, Laufzeiten und Grenzen.
Omnichannel Strategie: Warum "verfügbar" nicht gleich "auf Lager" ist
Im Omnichannel können mehrere Kunden gleichzeitig auf verschiedenen Kanälen denselben Artikel kaufen oder reservieren, z.B. liegt die Ware im Warenkorb oder ist reserviert für Click and Collect, Kommissionierung, Filialreservierung oder für eine Marktplatz-Bestellung.
Wenn du hier nur mit „physischem Bestand“ arbeitest, läufst du in zwei klassische Fallen:
- Überverkauf, weil Reservierungen und Latenzen nicht sauber berücksichtigt werden
- zu hoher durchschnittlicher Lagerbestand, weil du als Gegenmaßnahme überall Puffer reinkippst.
Deshalb brauchst du eine klare Verfügbarkeitslogik, die typischerweise trennt in:
- physisch vorhanden (On-hand)
- reserviert (Warenkorb / Pick / Click & Collect)
- gesperrt (beschädigt, in Qualitätsprüfung)
- in Transfer (Umlagerung unterwegs)
- Puffer (bewusst nicht verkaufbar, um Risiken abzufangen)
Eine Warenwirtschaft kann diese Stati sauber führen und daraus je Kanal eine realistische Verfügbarkeit ausspielen. Nachdem wir wichtige Begrifflichkeiten geklärt haben, welche Schritte sind notwendig, um mithilfe einer Warenwirtschaft deinen Bestand optimal zu managen?
Schritt 1: Schaffe eine "Single Source of Truth" für Bestand und Artikel
Solange mehrere Systeme unterschiedliche Zahlen zeigen (Shop, Marktplatz-Backend, POS, Excel), optimierst du nicht – du diskutierst.
Ein Warenwirtschaftssystem ist dazu da, als zentrale Instanz und „Single Source of Truth“ alle Informationen rund um Bestand und Artikel zu verwalten. Dazu gehören folgende Aufgaben:
1. Artikelstammdaten sauber anlegen: Produktvarianten, SKU, Sets/Produktbundles, Ersatzartikel, dazu gehört alles, was später in der Praxis sonst „manuell“ gelöst wird.
2. Lagerorte und Lagerplätze definieren: Zentrallager, Filialen, 3PL, Retourenlager, Sperrlager... und idealerweise auch Lagerplätze (für effizientes Picken).
3. Warenbewegungen verpflichtend erfassen: Wareneingang, Umlagerung, Verkauf, Retoure, Abschrift/Schwund.
Somit hast du die Grundlage geschaffen, um den durchschnittlichen Lagerbestand wirklich zu senken, statt nur zu verschieben.
Schritt 2: Bestandsgenauigkeit erhöhen, bevor du an optimalen Mengen drehst
Viele Bestandsprobleme sind keine Planungsprobleme, sondern Accuracy-Probleme. Wenn dein Systembestand nicht stimmt, ist dein durchschnittlicher Lagerbestand in Wahrheit größer, weil du Puffer vorhältst, oder du verkaufst ins Leere.
So kannst du deine Bestandsgenauigkeit erhöhen:
- Cycle Counting einführen statt „Inventur einmal jährlich“: Kleine, regelmäßige Zählungen, besonders bei A-Artikeln und schnell drehenden Sortimenten.
- Scan-Disziplin etablieren: Jede Bewegung wird gescannt/gebucht, nicht „nachher“, nicht „wenn Zeit ist“.
- Statuslogik nutzen: Retouren nicht pauschal „auf Lager“ buchen, sondern in Prüfung/Sperrbestand führen, bis sie wirklich verkaufbar sind.
Je genauer dein Bestand, desto weniger Sicherheits-Puffer brauchst du – und desto geringer wird dein durchschnittlicher Lagerbestand, ohne dass du an Verfügbarkeit verlierst.
Schritt 3: Omnichannel-Regeln definieren: ATS, ATP und Kanalprioritäten
Im Omnichannel ist „auf Lager“ nur die halbe Wahrheit. Entscheidend ist: Was ist wirklich verkaufbar? Hier passieren die meisten Überverkaufs-Fallen, die sich nur über eine saubere Trennung des Verfügbarkeitsstatus lösen lassen.
Die wirklich für den Verkauf verfügbare Menge (häufig als ATS – Available to Sell) ist die physisch vorhandene Ware minus Reservierungen, Allokationen (z.B. für Marktplatz-Bestellungen), Puffer oder gesperrte Ware (z.B. Retouren, die noch auf Qualitätsprüfung warten).
Bei komplexeren Modellen kommt ATP (Available to Promise) dazu: Was kannst du zusagen, wenn Inbound-Ware rechtzeitig ankommt? Hier kann verfügbare Ware auch diejenige sein, die noch nicht physisch im Regal liegt, die durch Bestellungen mit einem Lieferdatum zugesichert ist.
Im Omnichannel ist die Frage nicht nur wieviel Bestand auch verkaufsfähig ist, sondern welche Menge welcher Kanal sehen darf. Dafür müssen Artikel im System klar gekennzeichnet sein:
1. Reservierungsfenster festlegen
- Warenkorb-Reservierung: ob ja/nein, und wie lange (z. B. 10–20 Minuten bei hoher Nachfrage)
- Click & Collect: Pick-Fenster + Abholfrist (z. B. bis Tagesende)
2. Pufferbestand definieren
Einen kleinen Teil bewusst nicht zu verkaufen oder nur kanalspezifisch freigeben, kann sinnvoll sein, um Latenz, Fehler oder Peaks abzufangen.
3. Kanalprioritäten bestimmen
Überlege dir, wie du welche Kanäle priorisierst. Zum Beispiel könnte das so aussehen:
- Kernsortiment: Shop + Marktplätze gleich priorisiert
- knappe Artikel: bevorzugt eigener Shop (höhere Marge, besseres Kundenerlebnis)
- Filialschutz: Mindestbestand in der Filiale, damit du vor Ort nicht „leergeräumt“ wirst
Wenn du häufig Überverkauf hast, reduziere nicht sofort den Verkauf. Reduziere die verkaufbare Menge (ATS) um einen sinnvollen Puffer und verbessere Bestandsgenauigkeit (Accuracy) und die Synchronisation. Das ist meist günstiger als „einfach mehr Bestand“.
Schritt 4: Mindestbestand, Meldebestand und Sollbestand je Lagerort einführen
Jetzt kommt die Bestandssteuerung, die nicht nur ein Wert für alles ist, sondern Grenzwerte je Artikel und Lagerort benennt. Dabei sind folgende Grenzwerte wichtig:
- Mindestbestand = eiserne Reserve (Schutz vor Lieferverzug, Peaks)
- Meldebestand = ab hier musst du nachbestellen (inkl. Wiederbeschaffungszeit)
- Sollbestand = Zielniveau nach Wareneingang (damit du nicht in Mini-Bestellungen erstickst)
So gehst du pragmatisch vor:
1. Starte mit A-Artikeln (Renner), nicht mit dem ganzen Sortiment.
2. Nutze historische Abverkaufsdaten + Wiederbeschaffungszeit.
3. Ergänze saisonale Regeln und Promo-Puffer (Sales, Kampagnen, Launches).
So vermeidest „zu viel überall“ und erreichst „genug an den richtigen Stellen“.
Schritt 5: Replenishment automatisieren: Bestellvorschläge statt Bauchgefühl
Wenn du mehrere Kanäle hast, gibt es Peak-Zeiten, in denen Sekunden zählen: Sales, Drops, Kampagnen, Feiertage. In diesen Momenten entscheidet sich, ob deine Prozesse robust sind – oder ob du am Ende Stornos verschickst.
Viele Händler bestellen zu spät nach (Stockouts) oder zu groß (Ladenhüter). Eine Warenwirtschaft führt einen automatischen Bestandsabgleich durch und greift auf definierte Mindest- und Maximalwerte zurück. Darauf aufbauend kann sie Bestellvorschläge liefern – und dich rechtzeitig warnen.
Das brauchst du, um dein Bestellwesen im Griff zu haben:
- Dashboard: Reporting zu Artikel unter Meldebestand (je Lagerort)
- Bestellvorschlag: Menge bis Sollbestand, angepasst an Verpackungseinheiten oder Mindestbestellmengen
- Freigabeprozess: Einkauf prüft, passt an, löst aus
- Alarmierung: kritische Artikel und Ausnahmen (z. B. Lieferverzug, Peak-Abverkauf).
Schritt 6: Fulfillment-Logik (Ship-from-Store / Click & Collect) mit Bestand verknüpfen
Deine Omnichannel Strategie steht und fällt mit Fulfillment. Denn Fulfillment entscheidet, wo Bestand liegen muss - und damit über deinen durchschnittlichen Lagerbestand.
Typische Omnichannel-Szenarien:
- Click & Collect / Reserve & Collect: Kunden erwarten schnelle Abholung – aber du brauchst klare Reservierungs- und Pick-Prozesse, sonst „verschwindet“ Ware in der Filiale.
- Ship-from-Store: kann Lieferzeiten verkürzen und Filialbestände drehen, aber nur, wenn Bestandsgenauigkeit und Store-Prozesse stimmen.
- Order Routing: Entscheide automatisiert, ob Zentrallager, Filiale oder 3PL am sinnvollsten ist, nach Kosten, Laufzeit und Bestandsschutz.
Ein guter Ansatz schützt Filialen vor „leergekauft fürs Onlinegeschäft“, ohne Online künstlich auszubremsen. Dafür brauchst du Regeln, um zu klären: Welcher Mindestbestand bleibt in der Filiale? Ab wann wird online nicht mehr aus der Filiale bedient?
Konkrete Schritte fürs Order Routing:
- Definiere, wann aus Filiale versendet werden darf (Ship-from-Store)
- Schütze Filialbestand mit Mindestmengen (z. B. „Online darf nur ab 5 Stück“)
- Lege Regeln fest, wann Splits erlaubt sind (Teil-Lieferungen kosten fast immer mehr, als sie bringen)
- Nutze Laufweg-/Picklogik (Picken & Packen) pro Standort: Filiale ist nicht gleich Lager
Eine Warenwirtschaft (oder WMS) kann hier viel automatisieren: pick-optimierte Listen, lieferscheinfertige Dokumente, Versandlabel, durchgängige Tracking-Nummern. Der Effekt ist dabei doppelt: Die Ware geht schneller raus und Bestellungen werden mit weniger Fehlern abgewickelt. Beides verbessert Verfügbarkeit und senkt Kosten.
Schritt 7: Retouren sauber führen, damit Bestand schneller wieder verkaufbar wird
Retouren sind nicht nur ein Kostenthema, sondern ein Verfügbarkeits- und Bestandsniveau-Thema. Wenn Retouren „hängen“, brauchst du mehr Puffer – und dein durchschnittlicher Lagerbestand steigt.
Retouren-Workflow:
- Statusmodell in der Warenwirtschaft: angemeldet → eingetroffen → geprüft → wieder verfügbar / gesperrt / refurbish / Abschrift
- Schnellspur für A-Artikel (Renner): priorisierte Prüfung, damit sie wieder verkaufbar werden
- Retourengründe auswerten: Qualitätsprobleme, falsche Größen, Produktinfos – das senkt Retouren und stabilisiert deinen Bestand
Schritt 8: Tote Bestände vermeiden: Renner-Penner + Aging als Pflichtprogramm
Wenn du deinen durchschnittlichen Lagerbestand verbessern willst, musst du an die Artikel ran, die dein Lager verstopfen.
Das erreichst du durch:
- Renner-Penner-Analyse: Welche Artikel drehen, welche nicht?
- Aging: Wie lange liegt Ware schon? (z. B. 0–30 / 31–90 / 91–180 / >180 Tage)
- Kostenfokus: Welche Artikel binden viel Kapital oder verursachen hohe Lagerkosten?
Sobald die teuren Ladenhüter identifiziert sind, gilt es, sie loszuwerden, z.B. durch
- Rabatte, Bundles, kanalübergreifende Aktionen
- Rücknahme/Verhandlung mit Lieferanten, Restpostenverkauf
- Spende/Abschreibung als letzte Option (aber geplant, nicht „wenn’s zu spät ist“).
Fazit: Für eine Omnichannel-Strategie braucht dein Lagerbestand System
Im Omnichannel ist der „perfekte“ Bestand kein Bauchgefühl. Je mehr Kanäle du bedienst, desto notwendiger ist eine zentrale Bestandswahrheit mit robuster Synchronisation. Verfügbarkeit folgt einer klaren Logik mit vielen verschiedenen Stati (reserviert/gesperrt/Puffer). Um Stockout zu vermeiden, müssen Mindest-, Melde- und Sollbestände je Lagerort eingeführt sein. Ein Warenwirtschaftssystem automatisiert Bestellvorschläge und warnt bei kritischen werden. Für Fulfillment und Retouren brauchst du robuste Prozesse, die auch in Peak-Zeiten funktionieren.
Damit steuerst du deinen durchschnittlichen Lagerbestand aktiv: du bleibst lieferfähig, reduzierst Kapitalbindung und vermeidest Ladenhüter – ohne ständig „mehr Bestand“ als Lösung zu kaufen.
Hier erfährst du, welche KPIs für dein Lager sonst noch wichtig sind: Lagerkennzahlen für eCommerce Händler: So steuerst du dein Lager effizient.

